Sprachliche Verständigung ist eine der großartigsten Leistungen, die unser Gehirn zustande bringt, aber das Erlernen einer Zweitsprache hat noch zusätzliche positive Effekte auf unser Denkorgan. Sprache ist ein komplexes Gebilde. Das Erlernen und die praktische Verwendung einer Fremdsprache stellt ein hervorragendes Training für unser Gehirn dar. Kaum vorstellbar, dass es mal Zeiten gab, in denen man tatsächlich glaubte, dass es bei zweisprachig aufwachsenden Kindern zu einer verschlechterten Entwicklung geistiger Fähigkeiten käme. Experten behaupteten sogar, die Anstrengung, die das Gehirn beim Erlernen weiterer Sprachen unternimmt, könne zu allgemeiner Verwirrtheit, Schizophrenie und Persönlichkeitsspaltungen führen.

Aber die Zeiten haben sich geändert.

Mittlerweile wissen wir, dass das genaue Gegenteil der Fall ist.

Wissenschaftler an der Pеnn State University іn den USA haben herausgefunden, dass das Erlernen einer weiteren Sprache tatsächlich Strukturen in unserem Gehirn verändert und insgesamt zu einer höheren Vernetzung zwischen verschiedenen Bereichen des Gehirns führt – kurz gesagt, alles arbeitet effizienter zusammen. Diese positiven Effekte des Sprachenlernens wurden in jeder Altersgruppe beobachtet.

Jedesmal, wenn Sie etwas Neues lernen, trainieren Sie Ihr Gehirn. Genau so, wie ein körperliches Training verschiedene Muskelgruppen, Gewebe und den Kreislauf stärkt, bewirkt das Training bestimmter Bereiche unseres Gehirns, dass diese leistungsfähiger werden und besser auf andere Bereiche zugreifen können.

Die nachfolgenden Ausführungen, wie das Sprechen und das Erlernen einer neuen Sprache Ihr Gehirn unterstützt, gelten unabhängig vom Alter.

1. Verbesserte Entscheidungsfähigkeit

Wenn Sie eine zusätzliche Sprache beherrschen, kann Ihnen das helfen, bessere Entscheidungen zu treffen. Studien der Universität von Chicago haben gezeigt, dass Menschen, die mehrere Sprachen können, in jeder Situation feine Nuancen und Informationen besser aufgreifen können.

Eine schnelle Auffassungsgabe kann in vielen Lebensbereichen zu rationaleren Entscheidungen führen. Im Gegensatz dazu tendieren Menschen, die nur eine einzige Sprache verstehen, dazu, ihre Entscheidungen eher auf emotionaler Basis zu gründen.

Mit anderen Worten, die Mehrsprachigkeit kann Ihr Leben schon allein durch verbesserte Entscheidungsfähigkeiten bereichern.

2. Verbesserte Gedächtnisleistung

Eine andere Sprache zu erlernen, verbessert die Gedächtnisleistung. Eine aktuelle Studie des „Jоurnаl of Exреrіmеntаl Chіld Psychology“, einer Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychologie, wollte herausfinden, welchen Effekt das Erlernen einer Fremdsprache auf die Merkfähigkeit von Kindern hat.

Die Studie zeigt, dass zweisprachig aufgewachsene Kinder bei Aufgaben, die das Arbeitsgedächtnis herausfordern, viel besser abschneiden, als einsprachig aufgewachsene Kinder. (Der Begriff „Arbeitsgedächtnis“ umfasst das Behalten und Verarbeiten von Informationen über kurze Zeiträume, vergleichbar mit dem Arbeitsspeicher eines Computers.) Die Studie kam zu dem Schluss, dass die Kenntnis von mehr als einer Sprache den Leistungsvorsprung beim Arbeitsgedächtnis gefördert hat.

Wenn Sie in der Fortbildung oder im täglichen Leben von verbesserter Merkfähigkeit profitieren wollen, dann ist das Erlernen einer weiteren Sprache vielleicht genau das Richtige für Sie.

3. Verbessertes Multitasking

Zweisprachige Menschen verfügen über ein verbessertes Gedächtnis und haben weniger Schwierigkeiten beim Auswendiglernen. Sie können sich aber auch unter Ablenkung besser konzentrieren und schneller zwischen verschiedenen Tätigkeiten wechseln; das deutet auf eine höhere geistige Flexibilität hin.

Das Sprechen von zwei Sprachen, und das Umschalten zwischen diesen, kann somit auch Ihre Multitasking-Fähigkeiten verbessern.

4. Verbesserte Lernfähigkeit

Es konnte gezeigt werden, dass zweisprachige Menschen auch über verbesserte kognitive Fähigkeiten verfügen. Forschungen an der University of Edinburgh deuten darauf hin, dass bilinguale Versuchspersonen bei Leseübungen, Sprachkompetenz und Intelligenztests bessere Ergebnisse erzielen, als monolinguale Versuchspersonen. Das sind Vorteile, die sich unter anderem im akademischen Studienbereich auszahlen.

Interessanterweise gilt dieser Effekt unabhängig davon, wie alt die Person ist, die mit dem Erlernen einer weiteren Sprache beginnt. Das bedeutet, auch Erwachsene können eine Verbesserung ihrer kognitiven Fähigkeiten erreichen.

So gesehen hilft Mehrsprachigkeit also auch beim Lernen im Allgemeinen.

5. Vergrößertes Gehirn

Auch wenn es verrückt klingt: Durch den Erwerb einer Fremdsprache können sich tatsächlich Bereiche des menschlichen Gehirns vergrößern. Eine Gruppe von schwedischen Wissenschaftlern hat Studien mit dem MRT (Kernspintomograph) durchgeführt und konnte nachweisen, dass bei Menschen, die mindestens eine Fremdsprache beherrschen, bestimmte Areale des Gehirns größer ausgeprägt waren.

An dieser Studie nahmen zwei Gruppen von Probanden teil, die ihren Kopf durch das MRT-Gerät genau durchleuchten ließen. Die eine Gruppe hatte für drei Monate einen intensiven Sprachkurs absolviert, während die Vergleichsgruppe andere, nichtsprachliche Fächer belegt hatte. Die Wissenschaftler fanden nun heraus, dass bei den „Sprachenlernern“ im Vergleich zu den „Nichtsprachenlernern“ spezifische Areale des Gehirns wortwörtlich gewachsen sind.

Wenn die Schlussfolgerungen aus diesem Befund auch nicht ganz klar sind, so spricht doch eigentlich nichts dagegen, dass wir auf diese Weise unser Gehirn vergrößern.
Auch diesen positiven Effekt hat also das Erlernen einer Fremdsprache.

6. Verzögerung von Demenz

Im Jahr 2009 haben Ellen Bialystok und ihre Kollegen eine Entdeckung veröffentlicht, die auf der ganzen Welt für Aufsehen gesorgt hat. Sie konnten zeigen, dass Zweisprachigkeit das Entstehen von Altersdemenz verzögern kann. Demenz äußert sich in Störungen des Arbeitsgedächtnisses, Sprachstörungen, Beeinträchtigungen der Motorik, der räumlichen Orientierung, Denkfähigkeit und Aufmerksamkeit. Die Alzheimer-Erkrankung ist eine häufige Ursache von Demenz, aber es gibt weitere Auslöser, wie etwa Verletzungen oder Tumore, die das Gehirn betreffen. Die Hälfte der an Demenz erkrankten Patienten in dieser Studie waren bilingual und hatten die meiste Zeit ihres Lebens beide Sprachen auch praktisch genutzt.

Die Wissenschaftler haben nun festgestellt, dass sich die ersten Symptome der Demenz bei einer monolingualen Patientengruppe deutlich von denen der bilingualen Patientengruppe unterscheiden.

Ellen Bialystok und ihre Kollegen argumentierten, dass die Aufmerksamkeitssteuerung, die bilinguale Menschen zur Beherrschung von zwei Sprachen anwenden, ähnlich komplex funktioniert, wie die Gedächtnisübungen, welche zur Vorbeugung gegen Demenz empfohlen werden.

Im Jahr 2015 hat sich dasselbe Forscherteam noch einmal auf eine Gruppe von Probanden konzentriert, bei denen die Alzheimerkrankheit bereits diagnostiziert wurde. Die Ergebnisse dieser Studie waren ähnlich. Außerdem hat sie gezeigt, dass der Effekt nicht auf Co-Faktoren, wie Bildung, berufliche Qualifikation oder Einwandererstatus zurückzuführen ist. Die Forscher betonen allerdings, dass Zweisprachigkeit keineswegs den Ausbruch von Alzheimer verhindern, aber laut Ergebnissen der zwei Studien den Beginn der Symptome dieser Krankheit verzögern kann.

Millionen Menschen auf der ganzen Welt erlernen eine Zweitsprache erst in einem späteren Lebensabschnitt. Studien haben gezeigt, dass Zweisprachigkeit, selbst wenn diese erst im Erwachsenenalter erworben wird, auch für das erwachsene Gehirn noch viele positive Effekte hat.

Auch wenn das Lernen einer Sprache bekanntlich im Kindesalter am leichtesten fällt, so zeigen aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse doch ganz klar, dass es nie zu spät ist, damit anzufangen. Es verspricht den Erhalt von guten kognitiven Leistungen bis ins hohe Alter.

Zweisprachigkeit macht Sie nicht unbedingt schlauer – aber sie hält ihr Denkorgan fit und aktiv. Zweisprachigkeit bringt klare Vorteile für die geistige und psychische Gesundheit, unabhängig davon, ob jemand schon im Kindesalter damit aufgewachsen ist, oder erst später damit angefangen hat. Daher unser Tipp: Lernen Sie eine weitere Sprache, ihrem Gehirn zuliebe.